Der Weisse Hirsch muß schwimmen lernen

weisser-hirsch-logoEs ist ja schon eine Ehre, wenn man als majestätisches Tier, den Wald und die Wiese beherrschend, eingeladen wird, mitten in der Fußgängerzone in St. Wolfgang als Wahrzeichen eines gastfreundlichen Hauses zu dienen und das nicht nur für kurze Zeit, sondern für naja, sagen wir mal schlichte 300 Jahre.

Mit künstlerischer Hand wurde ich als sogenanntes Zunftzeichen auf ein wunderschönes schmiedeeisernes Gestell gehievt und mit erhobenem Haupt in goldener Farbe aus Metall errichtet. Wieso in Gold, wenn mein eigentlicher Name "Weißer Hirsch" bedeutet?

Naja, die Leute sind ja manchmal etwas komisch, nicht nur was die Farben angeht. So sah ich viele verschiedene Menschen an mir vorbeiziehen, betende auf den Pfaden des Heiligen Wolfgang; singende und musizierende Einheimische in Tracht in allen Altersstufen, viele interessante Gäste aus fast allen nur möglichen Ländern der Welt, langsam und hektisch von der schönen Stimmung von St. Wolfgang etwas mitnehmend, um es hastig im Kopf abzuspeichern, einzuatmen und nicht mehr wegzugeben, und erst in den Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen.

Und nach 300 Jahren der schnellen Veränderung, da war es mir, als ob auch ich davon betroffen wäre, mich neu zu positionieren - wie das so schön heißt. Und so machte ich mich in einer Vollmondnacht im Wonnemonat Mai 2001 davon, endlich einen Ausflug zu unternehmen. Nachdem ich so lange auf meinem Platz ausgeharrt hatte, fiel es niemandem so richtig auf, wie ich mich langsam und leise entfernte. Nicht einmal den Wirtsleuten schien es als Besonderheit, dass der Weiße Hirsch in der Fußgängerzone nicht mehr an seinem Platz war.

Also, wohin sollte seine Reise gehen?
Durch den ganzen Ort, vorbei an den vielen netten, kleinen Geschäften und Lokalen entlang am See? Undenkbar, viel zu viele Gefahren!

Sollte ich den anderen Weg wählen?
Über einige wenige Stufen in den glitzernden Wolfgangsee, der friedlich vor sich hin plätscherte...

Das glasklare, blaugrüne Wasser, in dem sich prächtige Fische tummelten, erschien mir einladend in der mondhellen Nacht.

Also hielt ich Ausschau nach einem geeigneten Begleiter, der sowohl mit der Kunst des Schwimmens, als auch mit den nötigen Orts- und Seekenntnissen ausgestattet war.


Es dauerte nicht lange und ein prächtiger, ausgewachsener Saibling sprang munter im Wasser herum und lud mich zu einem abenteuerlichen Ausflug ein.

Die Menschen behaupten, Fische seien stumm, aber wir hatten eine prächtige Unterhaltung und mich begeisterte das muntere Fischlein von Anfang an. Der Beginn einer schönen, seltenen Freundschaft? Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an.

Die Leichtigkeit des Seins, die eleganten Bewegungen, die Schnelligkeit im Wasser, die totale Freiheit meines neuen Freundes faszinierten mich und schnell glitt auch ich in die Fluten des Wolfgangsee´s, um professionellen Schwimmunterricht zu bekommen.

Ein Weisser Hirsch mit Schwimmflügerln? Nein, wirklich nicht! Wir Tiere lernen anders als die Menschen und wir haben natürlich auch unsere Geheimnisse über erfolgreiche Lernmethoden. Bald waren meine Schwimmkenntnisse perfektioniert und ich war bereit, meinen langersehnten Ausflug zu beginnen.

Ich erklärte meinem Begleiter den Grund meines Ausfluges. War ich doch jetzt schon so lange Zeit Beobachter der vielen Urlauber, lüstete es mich selbst Urlaub zu machen. Im Wasser zog mich das Glitzern der Uferfront in Richtung der nächsten Urlaubsmetropole. Ausgelaugt vom Schwimmen suchte ich ein gemütliches Hotel, das mir alle Wünsche von meinen Augen abliest und mein Hirschenherz höher schlagen läßt - doch leider hatte ich keinen Erfolg. Mich veranlasste nichts an diesen Ort zu bleiben und so trieb ich mit der Strömung wieder zurück nach St. Wolfgang um meinen Platz wieder einzunehmen.

Ich glaube, mein Begleiter konnte mit dem Wort Urlaub nicht wirklich etwas anfangen, war er doch so auf sein Wolfgangsee-Wasser fixiert.

Am nächsten Abend, wir hatten uns wieder verabredet, schwammen wir voller Hoffnung an neue Ufer. Aber auch hier konnte ich kein Hotel finden, das meinen Bedürfnissen gerecht wurde.

War ich zu anspruchsvoll? Hatte mein Fisch-Feund recht, Urlaub sei nichts für uns?

Wieder eine Nacht vorüber, beschloß ich, an meinem langjährigen Platz, der so viel an Gemütlichkeit und Ruhe ausstrahlt, mein eigenes Hotel zu errichten, mit allen Wünschen und Extras, die ich gesucht hatte - am großen weiten Wolfgangsee, ganz in der Nähe meines treuen Fisch-Freundes...

Einem großen runden Bett, dem wundervollen Blick über den See, einem herrlichen, schattigen Gastgarten mit Kastanienbäumen, einer Seeterrasse mit Whirlpool, einem eigenen Badestrand, ohne Trubel und Gedränge und mit netten, freundlichen Menschen, die für meine ausgefallenen Wünsche offene Ohren haben.

Wehmütig erzählte ich mein Vorhaben in der nächsten Nacht am Ufer meinem Fisch und siehe da, er war begeistert, bekam große, feuchte Fischaugen und versprach, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen und zu begleiten. Der Grundstein zum Seeböckenhotel war gelegt.